50 Cent vergleicht HipHop gerne mit einem Boxkampf. Man müsse ständig wachsam sein, sich immer in die richtige Position bringen. Der - die Angaben variieren je nach Quelle - 31-, 32- oder 33-Jährige New Yorker, der mit bürgerlichem Namen Curtis Jackson heißt, weiß, wovon er spricht. Vor zehn Jahren wurde er vorm Haus seiner Großmutter von neun Kugeln getroffen - bis er wieder völlig hergestellt war, dauerte es fünf Monate, an Spätfolgen leidet er heute noch. Danach begann ein beispielloser Aufstieg: Eminem nahm den Rapper unter seine Fittiche, das Debütalbum „Get Rich Or Die Tryin'“ erschien 2003 und schoß sofort auf die Spitzenposition der amerikanischen Albumcharts. Es folgte eine der beeindruckendsten Karrieren des amerikanischen HipHop. Zuletzt veröffentlichte Jackson im Dezember das fünfte Studioalbum „Before I Self Destruct“. Jetzt kommt der US-Rapper auf Tour.
Natürlich geht es auf „Before I Self Destruct“ um die richtige Stimmung. Um eine harte Produktion, um aggressive Knackigkeit, die im durchaus reizvollen Gegensatz zum eher soulig angelegten Vorgänger „Curtis“ steht. Doch der Rapper legt Wert darauf, dass seine Reise zurück in die Dunkelheit mehr als nur eine musikalische Inszenierung ist: „Das Timing ist perfekt! Ich kann jetzt über Dinge schreiben, in denen ich früher unsicher gewesen wäre. Weil ich noch ein Stück Distanz zu früher gewonnen habe und mit dem Alter das Selbstbewusstsein generell steigt, aber auch, weil ich in einer Position bin, die sicher genug ist. Mir kann heute niemand mehr etwas anhaben.“ Fiddy, wie seine Fans ihn nennen, lehnt sich also zurück und beobachtet die Dinge aus einer sicheren Entfernung, bezieht aber klar inhaltlich Stellung: „Ich würde sagen, dass es der härteste Stoff meiner bisherigen Laufbahn ist. Ich weiß, dass manche das erstaunt, weil es mir finanziell sehr gut geht. Aber ich finde es einfach spannender, über die Momente meines Lebens zu schreiben, in denen ich kämpfen musste, als über die Gegenwart. Interessant finde ich, dass ich offenbar der einzige Rapper bin, der das so macht. Viele schreiben doch über ihren Reichtum, über ihren Lifestyle. Was ich beschreibe, ist die harsche Realität und die Geschichte davon, wie man auch unter schwierigen Umständen zu Erfolg kommen konnte.“
Trotzdem: Den Begriff „Gangster Rap“ hört er nicht gerne. Zunächst einmal sei er nie Mitglied einer Gang im klassischen Sinne gewesen. Vor allem aber sei es ein Schlagwort, das die Realitäten des Ghettos vernachlässige und HipHop eine Trennung geben würde, die ungerecht sei: „Journalisten nennen etwa das, was Talib Kweli oder Common oder Mos Def machen, 'Conscious Rap'. Aber du darfst nicht vergessen, dass auch ich mir sehr genau überlege, über was ich schreibe. Also würde auch auf mich dieser Begriff zutreffen.“ Deshalb seien Kategorisierungen so schwammig, dass sie wenig Sinn ergeben würden. Schließlich sei er nicht nur ein HipHopper, sondern auch ein Popstar - auch wenn er das nie werden wollte: „Als ich 'Get Rich Or Die Tryin'' schrieb, dachte ich nicht an die Millionen Alben, die ich verkaufen würde. Ich folgte einfach meinen kreativen Impulsen, und es funktionierte. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt auch schon von meiner Musik leben, aber auf einem niedrigeren Level und unter den bekannten schwierigen Umständen. Bei mir kam dann eben die Entdeckung durch Eminem.“ Den bezeichnet 50 Cent übrigens immer noch als einen seiner besten Freunde: „Em verkaufte 23 Millionen Schallplatten. Er ist der größte Rapper der Welt. Wenn so jemand deine Songs auswendig kann, wenn so jemand dich jemandem wie Dr. Dre weiterempfiehlt, dann ist das der Wahnsinn. Es geht aber viel weiter: Eminem ist ein Mensch, den ich liebe. Es passiert sehr selten, dass du als Erwachsener jemanden kennenlernst, der so wichtig für dich ist. Wenn ich in Detroit bin, wohne ich bei ihm. Ich gehe nicht in irgendein Hotel, ich schlafe bei Eminem."
Album: 50 Cent - "Before I Self Destruct" (Interscope/Universal), 13. November 2009.