David Lynchs Interview Project: Road Trip ohne Plan

Publikumswirksam aufbereitete Pauschalurteile erfreuen sich meist großer Beliebtheit, weil sie überschaubare Weltsichten anbieten. Besondere Popularität schien in letzter Zeit darin zu bestehen, Menschen nach Strich und Faden vorzuführen. Amerikaner wurden in Filmen wahlweise als Waffennarren dargestellt, als Volk homophober Ewiggestriger oder als Großgemeinde religiöser Fundamentalisten. Man fand schon, was man finden wollte, am wichtigsten war wie immer die geschickte Auswahl des Materials.

Nun hat sich David Lynch aufgemacht, ein Bild der US-amerikanischen Gesellschaft zu zeichnen. Der amerikanische Regisseur, berühmt für sein postmodernes Verwirrspiel in Filmen wie Eraserhead (1977) oder Mulholland Drive (1999), dokumentiert in seinem „Interview Project“ einen Roadtrip quer durch die USA. Lynch erklärt das Projekt gewohnt lakonisch: Es habe keinen wirklichen Plan gegeben, ein Team sei in 70 Tagen 20.000 Meilen gefahren, um insgesamt 121 Zufallsbegegnungen zum Interview zu bitten. Manchmal traf man sich in einer Bar, mal kam man in eine andere Örtlichkeit und: „there they were!“. Erklärtes Ziel des Interviewmarathons sei, so Lynch, den Zuschauern die Möglichkeit zu geben, Menschen zu treffen und ihnen zuzuhören.

Der Plan war also, ohne Plan vorzugehen. Gerade deshalb ist das Resultat dieses Vorhabens so überzeugend. Es wird eine gänzlich unaufgeregte sowie unironische Ethnographie des Landes vorgestellt. Lynch ging es nicht darum, widerspruchsfreie Urteile über eine Gesellschaft zu provozieren, indem möglichst eindeutige Bilder gezeigt werden. Er betont das Individuelle, die Geschichte eines jeden Menschen. Und er lässt sie für sich selber sprechen, sie erzählen unmittelbar von den Facetten ihrer Leben.

Obwohl Lynch zurückhaltend ist und nicht auf den Wert dieser Sozialstudie hinweist, ist sie unbedingt sehenswert und zeigt ein deutlich differenziertes Bild, das Michael Moore wahrscheinlich nicht sonderlich gefallen dürfte.

Fotonachweis: Jason LaVeris/Film Magic/Getty Images

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